Zum 1. Todestag der Kölner Soziologin und Feministin Prof. Dr. Maria Mies (+ 15.5.2023) hat der Kölner Frauengeschichtsverein eine Briefmarke herausgegeben, um an ihr Lebenswerk zu erinnern. Maria Mies hat einerseits über Gewalt an Frauen gelehrt und Handlungsanweisungen vermittelt; daraus ging das erste autonome Frauenhaus hervor. Andererseits trat sie weltweit für Bewusstheit über die Endlichkeit der Ressourcen und eine veränderte Wirtschaftsweise auf und konzipierte – u.a. mit Prof. Veronika Bennholdt-Thomsen – gemeinsam Perspektiven eines Ökofeminismus. Wir ehren damit eine bedeutende Kökner Denkerin. Die Marken wurden u.a. Frauenprojekten in begrenzter Anzahl zur Verfügung gestellt, sind leider nicht bei der Post zu kaufen.
Jede Frau, jeder Mensch kann solche Briefmarken, die gültig sind, konzipieren, drucken lassen und aufkleben, sie kosten jedoch eine erhöhte Gebühr. Zudem kann jede*r bei der Bundespost Sonderbriefmarken beantragen.
Maria Mies, geboren 1931 in der Vulkaneifel als siebtes von 12 Geschwistern, war eine international renommierte Soziologin, Feministin, Globalisierungskritikerin und Buchautorin. Sie arbeitete nach ihrem Studium am Goethe Institut in Poona, was ihre lebenslange Liebe zu Indien zur Folge hatte. Als Professorin an der FH Köln gründete sie zusammen mit ihren Studentinnen das erste autonome Frauenhaus der Bundesrepublik. Am Institute of Social Studies in Den Haag entwickelte sie den Schwerpunkt Women and Development und formulierte viel diskutierte Postulate zur Frauenforschung. Als Globalisierungskritikerin trug sie aktiv zur internationalen Vernetzung der Globalisierungskritischen Bewegung bei.
Sie setzte sich für ein ressourcenorientiertes Wirtschaften ein und fand dafür Modelle bei den Land-Frauen in den Ländern des globalen Südens. Lange bevor das Thema in aller Munde war, machte sie sich Gedanken über ein Konzept des ‚guten Lebens‘ für alle, das sie unter anderem in einer befriedigenden Arbeit verortete und nicht im Konsum. Dafür stand sie auch in ihrem privaten Leben. Ihre theoretisch fundierten und gleichzeitig immer verständlich geschriebenen Bücher haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Einzelne Titel erleben deshalb international immer wieder Neuauflagen, aktuell der Titel La subsistance in Frankreich (zusammen mit Veronika Bennholdt-Thomsen).
Am 15.Mai 2023 ist Maria Mies im Alter von 92 Jahren gestorben. Eine ihrer wissenschaftlichen Weggefährtinnen, Renate Klein, schrieb: “Ich kann nur hoffen, dass die Lebensgeschichte von Maria Mies mit all ihrem Mut, Humor, Intellekt und all ihrer Leidenschaft junge wie ältere Frauen inspirieren wird, so dass wir gemeinsam das nächste Kapitel des Feminismus beginnen können.”
Ihr Nachlass wird vom Kölner Frauengeschichtsverein unter der Signatur Best. 80 verwaltet und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Aus Anlass ihres bevorstehenden ersten Todestages können Sie hier ein Interview von Gabriela Schaaf mit Maria Mies vom 09.01.2013 hören:
„Femmage“ zum Geburtstag († 2023) „Wir schreiben unsere Geschichte, während wir sie machen“ hieß ein Credo der feministischen Soziologin Prof. Maria Mies (1931-2023). Von der
Immer wieder wird sie von jungen Frauengenerationen entdeckt – die Kölner Wissenschaftskritikerin und Aktivistin von Weltrang. Maria Mies schaffte den Aufstieg von der Eifler Bauerntochter zur Professorin, – eine Beispiel-lose Karriere. Die Soziologin entwickelte Grundlagen-Diskurse zur Frauenforschung und beschäftigte sich besonders mit den Arbeitsbedingungen der Frauen des Südens. Sie ist bis heute eine der bekanntesten und international meist vernetzten Kritikerinnen der Globalisierung. Am 9.2. 2021 wird Maria Mies 90 Jahre alt, – Anlass für eine Würdigung!
Maria Mies wurde am 6.2. 1931 in der Vulkan Eifel geboren; sie war das siebte von zwölf Kindern. Das Mädchen war sehr wissbegierig und schaffte es als erstes ihres Dorfes, den Besuch einer Höhere Schule durchzusetzen. Sie wurde zunächst – auf Umwegen – Lehrerin für Englisch und Deutsch, dann wurde ihr das Umfeld zu eng und sie zog in die Welt. Die Anregungen aus dieser agrarisch geprägten Kindheit nahm sie jedoch immer mit, u.a. später in ihrer Theorie der Subsistenzperspektive oder in den Titel ihrer Autobiografie: Das Dorf und die Welt.
Freiheitsliebe und Abenteuerlust führten die junge Lehrerin in den 1960er Jahren fünf Jahre lang an ein Goethe-Institut im indischen Pune (früher Poona). Dort unterrichtete sie junge Inder:innen in der deutschen Sprache – und machte erste soziologische Beobachtungen, wie sie in ihrer Autobiografie schildert: „Als ich nach Indien ging, war ich noch total unpolitisch. Im Goethe-Institut in Pune traf ich nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die Deutsch lernen wollen. Was bezweckten die Frauen damit, fragte ich mich. Eine indische Professorin für Anthropologie hat mir vorgeschlagen, eine Umfrage durchzuführen, was ich zuvor noch nie gemacht hatte. Das Ergebnis des Fragebogens ‚Why German?‘, also ‚Warum Deutsch?‘, war wie erwartet, was die Männer betraf: Sie gehen nach Deutschland, um
Zurück in Deutschland ging sie folgerichtig an die Kölner Universität und forschte bei dem Soziologen Prof. René König zum Patriarchat in Indien und Deutschland. Ihre Dissertation von 1971 trug den Titel „Rollenkonflikte gebildeter indischer Frauen“ (veröffentlicht 1973 unter dem Titel “Indische Frauen zwischen Patriarchat und Chancengleichheit. Rollenkonflikte studierender und berufstätiger Frauen”.).
Nicht zuletzt als Folge des Studiums in den bewegten Jahren 1968/69/70 wurde sie politische Aktivistin. Zunächst beteiligte sich die Studentin an mehreren Kölner Nachtgebeten in der Antoniterkirche, einer progressiven Form des politisch aufklärenden Gottesdienstes. So war sie am 5. Januar 1971 beim Nachtgebet zum Thema Frauenemanzipation beteiligt, was langfristige Folgen hatte:
„Eine Freundin hatte mich zu der Nachtgebetsgruppe mitgenommen und ich beschloss, dort mitzumachen. Ich war Studentin und trotz meiner Religionskritik noch in der Kirche“, heisst es in ihrer Autobiografie. „Ich wollte diese patriarchalischen Strukturen in einem Politischen Nachtgebet darstellen, kritisieren und zu Veränderungen aufrufen. […] Als Slogan für unser Flugblatt wählten wir einen von uns etwas abgeänderten Satz von Ernst Bloch: ‚Die Frau liegt (immer noch) unten.‘ “ Schon damals hatte sie die Abwertung der Frauenarbeit im Blick: „Der Kern unserer Kritik galt der üblichen familialen Arbeitsteilung: Der Mann ist der ‚Ernährer‘, der das Geld verdient. Die Arbeit der Hausfrau zählt nicht.“
Das Vorbereitungsgremium aus vier Frauen, darunter Dorothee Sölle, sprach sich für ‚männerfreie‘ Gruppen zur Selbstfindung aus. Nach Erlangung des nötigen Selbstbewusstseins könne es gemeinsam mit den Männern weitergehen; die angestrebten Veränderungen würden im Übrigen auch den Mann befreien.
Diese Utopien wurden in der Tagespresse belächelt, aber von den anwesenden Frauen gut angenommen. Im Anschluss an den Abend, der wegen des Andrangs sofort wiederholt wurde, gründeten sich in Köln VHS-Kurse zu der Thematik, die über Jahrzehnte fortgeführt wurden, sie wurden für unzählige Frauen zum Auslöser von Emanzipationsprozessen. Und es bildete sich die erste lokale Frauengruppe der neuen Frauenbewegung, das Frauenforum Köln e.V.
1971 konnte der weite Begriff Emanzipation Frauen noch zusammenführen. Mit dem Erstarken des autonomen Feminismus und der Frauen in linken Vereinigungen erfolgten die ersten Abspaltungen. So haben sich1972/3 vom Frauenforum bald die Sozialistinnen abspalteten, sie gründeten die Sozialistisch-feministische Aktion (Sofa); Maria Mies war aber in keiner der beiden Gruppen aktiv. Sie bereitete ihre Uni-Karriere vor.
Von 1974 bis 1977 führte sie im Rahmen eines Lehrauftrages an der Universität Frankfurt Seminare zur „Geschichte der Internationalen Frauenbewegung” durch. Diese Kurse waren von Frankfurter Studentinnen erstritten worden, um einen Lehrstuhl zur Frauenforschung durchzukämpfen. Maria Mies übernahm danach einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Köln für Sozialpädagogik an und wandte sich zunehmend feministischen Inhalten zu. Die 1. Internationale UN-Frauenkonferenz in Mexiko 1975 hatte Maria Mies weitere Erkenntnisse – und Fragen verschafft. Sie stellte fest, dass sie kaum etwas über die ‘alte’ Frauenbewegung in Europa, geschweige denn über die Bewegungen in anderen Teilen der Welt wusste, und dass sie dies auch ihren überwiegend weiblichen Studierenden nicht vermitteln konnte. Daraus folgte für sie: Es müssen neue Wissensfelder und neue Formen der Vermittlung her. Zwar sollten es keine Selbsterfahrungsgruppen sein, wie sie aus den USA herübergeschwappt waren, aber Frauenseminare, deren Inhalte praktisch-politisch umgesetzt werden konnten.
Erkannt – getan, sie richtete Frauenseiminare an der FH ein.
„Da war vor allem die Erfahrung der Gewalt: Um diese Zeit war von Erin Pizzey das erste Haus für geprügelte Frauen im Londoner Stadtteil Chiswick errichtet worden. Die Studentinnen beschlossen, auch in Köln ein Haus für geschlagene Frauen zu gründen.“ So war Maria Mies eine der ‘Hebammen’ des ersten Hauses für geschlagene Frauen, das aus der autonomen Frauenbewegung heraus entstand (vorher gab es erst eines des Berliner Senats).
1978 veröffentlichte die Soziologin ihren vielleicht meist rezipierten Text „Postulate der Frauenforschung“, der im deutschsprachigen Raum direkt großes Aufsehen erregte: Die Verfasserin verlangte nicht nur, den ‚subjektiven Faktor‘ der Forschenden offen zu legen, sondern sie forderte Parteilichkeit für Frauen, was gegen das Dogma der (vermeintlichen) wissenschaftlichen Objektivität verstieß. Nicht alle Wissenschaftlerinnen folgten ihr.
Mies war schon lange Internationalistin, hatte früh begonnen, weltweit Kontakte zu knüpfen. 1979 begründete sie am Institute of Social Studies in Den Haag den Schwerpunkt “Women and Development“. Als Marx-Kritikerin beschrieb sie z.B. 2003, dass der Kapitalismus das Patriarchat nicht aufgehoben habe, was Marx vorausgesagt habe. Der Kapitalismus schaffe immer neue Ungleichheiten. Mies betrachtete Hausarbeit als Basis des Kapitalismus, im Gegensatz zu Marx, der die Lohnarbeit als Basis ansah. Daher folgte sie teilweise Rosa Luxemburg in ihren ökonomischen Abhandlungen, erweiterte diese jedoch um Thesen zur Unterbewertung der Haus- bzw. Reproduktionsarbeit. Die sichtbare Lohnarbeit sei weiß, männlich und in den Ländern des Nordens durch Arbeitsverträge geregelt. so Mies. Nur diese käme in den Berechnungen es Bruttosozialprodukts vor. Darunter läge wie bei einem Eisberg der Hauptteil unsichtbarer Arbeit von weißen und schwarzen Frauen (auch in der Prostitution) und auch bei Männern in sog. McJobs. Unsichtbar sei des weiteren die Arbeit in der sog Subsistenzwirtschaft durch Bäuerinnen/Bauern, die ihre Landwirtschaft zum eigenen Erhalte betrieben (Kleinbauern) oder durch kleine Handwerker:innen, die für den lokalen Markt arbeiten, sodann durch Kolonialisierte.
Eines ihrer bekanntesten Bücher ist der Sammelband Frauen, die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit (1983) das sie mit den sog. Bielefelderinnen (V. Bennholdt-Thomsen und C. von Werlhof.) herausgab.
Mies entwickelte die These der Hausfrauisierung, die sie später in der Zeit der neoliberalen Globalisierung auf die Männer ausweitete, da auch sie immer weniger auf geschützte Beschäftigungsverhältnisse zählen könnten…
Nochmals ging sie nach Indien, produzierte eine beeindruckende Studie über Spitzen-Arbeiterinnen, in der sie dargelegte, wie diesen durch Entzug der Kenntnisse und Aufträge von Häkel-Motiven eine erhöhte Ausbeutung der Frauen möglich war: Sie konnten nur noch einzelne kleine Rosetten häkeln und diese selbst nicht mehr verkaufen (Lace Makers of Narsapur. Indian Housewives Produce for the World Market, 1982). Übrigens heiratete sie nach langer Fernbeziehung den indischen Wissenschaftler Saral Sarkar, der seit 1982 mit ihr in Deutschland lebt.
Ihre Forschungsschwerpunkte waren nun Landfrauen in der (wies es damals hieß) Ersten und Dritten Welt, Kapitalismus und Subsistenz, Gentechnik und immer wieder Alternativen zur globalisierten Wirtschaft. Sie publizierte feministische, ökologische und entwicklungspolitische Bücher, die auch ins Englische übersetzt wurden und weltweit Beachtung fanden. Sie folgerte, gerade von den Frauen müsse die Frage kommen, welche Wirtschaft und welche Gesellschaft wir wollten – „was ist möglich auf einem begrenzten Planeten?“ Maria Mies nahm heutige Diskurse wie ‚Es gibt keinen Planet B’ vorweg, forderte ein Zurückfahren des Konsums – heute wird diese Bewegung degrowth genannt, Schrumpfen, – eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform einrichten, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. „Wir sind der Überzeugung, dass die gemeinsamen Werte einer Postwachstumsgesellschaft Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation sein sollten. Die Menschheit muss sich als Teil des planetarischen Ökosystems begreifen.“ Sie verstand Subsistenzwirtschaft nicht als Zurück ins Mittelalter, sondern als das Verfolgen eines anderen Ziels beim Wirtschaften: die Wiederherstellung des Lebens; die Grenzen der Natur, auch der eigenen Körperlichkeit, erkennen; Nahrungsproduktion vor Industrieproduktion; den Wachstums Wahn beenden; Fülle und Vielfalt statt Monokultur; lokales Wirtschaften; Gemeingut- und Allmenden-Denken hochschätzen; die Verhinderung der Privatisierung von Wasser usf. 1996 erlebte ihre Broschüre “Die Befreiung vom Konsum” ihre 2. Auflage.
Ab den 1980ern und damit sehr früh hat sie zur internationalen Vernetzung der globalisierungskritischen Bewegung beigetragen. Mies’ Kritik richtet sich gegen die unzureichende demokratische Kontrolle internationaler Finanz- und Handelsinstitutionen wie die WTO, den IWF und die Weltbank,. Sie gründete in Deutschland das Komitee Widerstand gegen das MAI (Multilateral Agreement on Investment) mit, das die bundesdeutsche Öffentlichkeit erstmals über länderübergreifende privatwirtschaftliche, Heuschrecken-freundliche Abkommen informierte, die die Herabsenkung aller Standards für ArbeitnehmerInnen und Umwelt beinhalteten und zu deren Verarmung bzw. Zerstörung führen werden. Deren Existenz wurde einer größeren Allgemeinheit jedoch erst durch den Kampf gegen das TTTP bekannt.
Maria Mies gebrauchte auch früh den Begriff des Guten Lebens, – heute gibt es in Kölner Stadtteilen den Tag des guten Lebens! Dabei wird dann gern auf internationale Bewegungen, auf indigene Völker in Bolivien rekurriert, die das Entwicklungsparadigma des Westens in Frage stellen. Diese Ideen des guten Leben zusammen mit Tieren, mit Pflanzen, mit anderen Menschen, mit einer anderen Ethik, wäre auch in Köln zu finden gewesen …
1993 kam die Emeritierung – aber Maria Mies blieb noch lange in der feministischen und globalisierungskritischen Bewegung, zum Beispiel bei Attac Köln, feminist attac etc., aktiv. Jedoch ging die den Weg des gender mainstreamings nicht mit: “Ich bin gegen diese Gleichstellungspolitik. Mit dem, was Männer heutzutage im kapitalistischen Patriarchat machen, will ich nicht gleichgestellt werden. Die Männer verkörpern nicht das ideale Menschenbild für mich. Die Menschen sollten nicht sein, wie die patriarchalen Männer heute sind. Egal in welchem Land. Wir haben in Deutschland eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin. Dadurch wirkt das Land vermeintlich fortschrittlich. Viele Feministinnen denken so. Aber die Politik, die diese beiden betreiben, ist doch dieselbe, sie ist patriarchalisch, sie ist kapitalistisch, sie ist kolonialistisch – wie eh und je. Was geändert werden müsste, ist dieses ganze Bild, die ganze Vorstellung und die ganze Weltanschauung, die den idealen Menschen im Mann sieht. Und das ist eine uralte Geschichte. Das hat nicht jetzt erst angefangen.”
Maria Mies lebt weiterhin mit ihrem Mann in Köln. Sie hat ihren gesamten Vorlass dem Kölner Frauengeschichtsverein übergeben. Das große Konvolut wird von der Archivkollegin Gabriela Schaaf kompetent und kontinuierlich in unserer Datenbank erfasst, um ihn zeitnah für Forschungen zur Verfügung zu stellen.
Wir haben einen you-tube-Channel mitliterarischen Textenvon Kölner Autorinnen gegründet! Und das online-Angebot wächst weiter. Nach der ersten Lesung aus dem neuen Buch von Ingrid Strobl gingen zunächst Texte von Ingeborg Drews, Dr. Eva Weissweiler/Dr. Luise Straus-Ernst (+), Fahime Farsaie und Irmgard Keun (+) sowie eine Life-Lesung von Esther Donkor viral. Es folgten Beiträge von Dr. Pilar Baumeister, Anne Dorn und Claudia Pinl. In der Warteschleife sind Lesungen von Prof. Maria Mies und ein (Corona-)Märchen unserer Vereinskollegin Vera Ruhrus. Es lohnt sich!
Als Kind entsprach Christa Wichterich äußerlich dem Klischee des braven Mädchens. Aber sie war alles andere als ein typisches Girlie. In Bonn und München studiert sie Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie, anschließend noch Soziologie. Erste Lehrtätigkeiten führen sie in den Iran und nach Indien. Dort trifft sie die feministische Soziologin Maria Mies, die sie einlädt im Redaktionskollektiv der „Beiträge für feministische Theorie und Praxis“ mitzuarbeiten. … Ihre Themen werden Globalisierung, Bevölkerungspolitik, feministische Ökonomie – und Care-Arbeit: 2023 gibt sie zusammen mit Maja John den Band „Who cares? Care Extraction and the Struggles of Indian Health Workers“ heraus.
In Abwesenheit wurde am Sonntag den 10.3. Nina Matuszewski mit dem Preis ARCHIVARius geehrt, den das Centrum Schwule Geschichte seit 2018 für besondere Leistungen in der Archiv- und Dokumentationsarbeit vergibt.
Nina Matuszewski ist dem Frauengeschichtsverein seit vielen Jahren verbunden, kam als Studentin in den 1990er Jahren, um Stadtrundgänge auszuarbeiten und anzubieten. Bei einem Praktikum entdeckte die Historikerin ihre Leidenschaft für die Dokumentation. Es folgte eine Ausbildung in Potsdam und danach leistete sie Basisarbeit in mehreren kleineren – inzwischen bedeutenden – Archiven aus dem migrantischen Kontext.
Bis zum Jahr 2013 betreute Nina unsere Bestände und vor allem die Erffassung als Wissenschaftliche Dokumentarin. Sie machte aus einer unstrukturierten Sammlung ein Archiv der neuen Frauen- und Lesbenbewegung, führte das Datenbank-System Faust ein und professionalisierte das Findbuch „Neue Frauenbewegung“. In der Laudatio zweier Kolleginnen, die sie aus- bzw. fortgebildet hat, Gabriela Schaaf und Sigrid Haller-Rübeck heisst es:
„Sie hat zahlreiche Bestände von Akteurinnen eingeworben und angelegt. Besonders zu erwähnen ist dabei der Nachlass der international renommierten Soziologin Maria Mies, für den sie die Tektonik entworfen und so die Grundlage für die weitere Verzeichnung geschaffen hat.Außerdem hat sie für den Verein etliche Projekte initiiert und realisiert – zuletzt 2023 als freie Mitarbeiterin die Digitalisierung und Erfassung der Sendemitschnitte von „Radio Lästerher(t)z“, einem feministischen Radio aus den Jahren 1992-2006. Sie hat an Ausstellungen zur Frauen- und Migrationsgeschichte mitgewirkt, und als Autorin an der Publikation des Vereins ’10 Uhr pünktlich Gürzenich. 100 Jahre bewegte Frauen in Köln’, die 1995 erschien. Bis heute steht sie dem Verein als externe Beraterin zur Verfügung. Wann immer ihre Hilfe gebraucht wird, nimmt sie sich Zeit dafür.“
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Auch bei anderen Kölner Archiven hinterließ sie tiefe Spuren, so entwickelte sie für den Rom e. V. Strukturen für ein Dokumentationszentrum und eine Fachbibliothek; bei DOMiD e. V., einem Verein, der ein bzw. das bundesdeutsche Migrationsmuseum plant, hat sie ein Datenbankmanagementsystem eingeführt, das Archiv professionalisiert durch Dokumentationsstrukturen, eine Bibliothekssystematik erstellt und zusätzlich die externen Archivnutzer*innen betreut.
2007 erhielt sie – auf Empfehlung einer Kollegin des Frauengeschichtsverein – ihre Stelle in der Dokumentation des NS-DOK, wo sie seit 2013 in Vollzeit als Dokumentarin tätig ist. Hier reorganisierte sie u.a. die Inhalte der Datenbanken und wirkte bei der Erforschung der Schicksale verfolgter jüdischer Kölner*innen mit. Ergebnisse dieser Arbeit wurden u.a. im Gedenkbuch für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Köln zugänglich gemacht.
In der Laudatio heisst es weiterhin: „Die Leidenschaft für professionelle Archivarbeit ist bei Nina Matuszewski immer auch verbunden mit einem politisch-emanzipatorischen Anliegen: nämlich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Quellen der Neuen sozialen Bewegungen zu lenken. Das tat oder tut sie mit Vernetzungs- und Verbandsarbeit, zum Beispiel im Netzwerk „Archive von unten“, bei i.d.a. dem Verbund der Frauen- und Lesbenarchive und im Arbeitskreis Kölner Archivarinnen und Archivare (AKA). Zudem vertritt sie das NS-DOK im Notfallverbund der Kölner Archive und Bibliotheken und hat 2009 den „Arbeitskreis Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen“ im VDA mitgegründet und dort am Positionspapier „Zur Zukunft der Archive von Protest-, Freiheits- und Emanzipationsbewegungen“ mitgewirkt.“
Zudem ist sie eine engagierte Förderin von archivischem Nachwuchs, und sei ‘er’ wie im Fall unserer Kollegin Gabriela Schaaf beim Start 58 Jahre alt, oder bei der Kollegin Sigrid Haller-Rübeck, die bei Nina im NS-Dokumentationszentrum die Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Information und Dokumentation absolvierte, 35 Jahre alt und Mutter kleiner Kinder. „Ninas Fragen waren interessiert, aufgeschlossen und wertschätzend. Sie hat klar gemacht, was mich erwartet, wenn ich ihre neue Auszubildende werde und gleichzeitig Vorschläge gemacht, wie ich meine Zeiten und Aufgaben regeln kann, damit alles machbar ist. Für mich war klar, dass da eine potenziell zukünftige „Chefin“ sitzt, die besonders ist. Und diese Einschätzung habe ich bis heute nicht korrigieren müssen, ob als Ninas Auszubildende im NS-Dokumentationszentrum oder bei der Zusammenarbeit für den Kölner Frauengeschichtsverein.“„
Nina hat beide archivisches Denken gelehrt, und vermittelt, „was es bedeutet, die Dokumente einer Bewegung von unten zu sichern, im Fall des Frauengeschichtsvereins, die Dokumente der Neuen Frauenbewegung in Köln. Und nicht zu verzweifeln, wenn Fragen auftauchen, wie ‘Muss man das wirklich alles aufheben?’ und ‘Übersteigt es nicht unser aller Lebenszeit das auch noch zu verzeichnen?’, so Gabriela Schaaf.
Auch andere Kolleg*innen schlossen sich der Wertschätzung mit Belobigungen an, sei es vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung in Kassel, vom Archiv für alternatives Schrifttum – AfaS aus Duisburg oder von Vera Tönsfeldt, ehemals beim Archiv des Rom e.V.
Haller-Rübeck schloss: „ Nina, ohne dich wäre ich und – wie du gehört hast – viele andere Menschen nicht mit so viel Leidenschaft und Kompetenz in ihren Archiven im Einsatz. Doch ich finde, dass an dieser Stelle nicht immer nur von deiner fachlichen Fähigkeit die Rede sein kann. Mein Leben hast du auch als Person an sich bereichert. Deine Begeisterung für die Archiv- und Dokumentationsarbeit hat sich auch auf mich übertragen und dein unermüdlicher Einsatz, Dinge weiter zu denken und neue Möglichkeiten zu finden oder sie gegebenenfalls selbst zu schaffen, sind menschliche Qualitäten, die dich einmalig und in meiner Welt als Kollegin und Freundin unverzichtbar machen.… Herzlichen Glückwunsch zum Archivarius! Du hast ihn mehr als verdient.“
Beruf, Arbeit, eigenes Einkommen – das heißt Unabhängigkeit und Gleichberechtigung. So kurz und knapp lässt sich beschreiben, wofür sich Brigitte Erdweg seit mehr als 40 Jahren ehrenamtlich und hauptberuflich einsetzt. Für die Mitbegründerin des Kölner Vereins „Frauen gegen Erwerbslosigkeit“ ist die Berufstätigkeit von Frauen zum Lebensthema geworden. Angefangen hatte alles mit der eigenen Erfahrung, nämlich: keinen Job zu finden. Vorausgegangen waren rebellische Jahre. Brigitte Erdweg stammt vom Niederrhein. Ihre Mutter war Hausfrau, der Vater Arbeiter und Nebenerwerbslandwirt. Schon als Jugendliche wusste Brigitte Erdweg genau, was sie n i c h t wollte. So wehrte sie sich erfolgreich gegen den Vorschlag ihrer Mutter, doch eine Hauswirtschaftsschule zu besuchen. Stattdessen begann sie mit 14 Jahren eine Ausbildung zur Zahntechnikerin, – damals ein Männerberuf. Die anderen Azubis ließen es sie spüren. Mit 18 Jahren ging Brigitte Erdweg nach Köln, um „die Welt zu verändern“. Sie lebte in linken Wohngemeinschaften, holte Schulabschlüsse nach und nahm ein Studium der Sozialarbeit auf. Bald engagierte sie sich in der Frauenbewegung und traf andere Frauen, die ebenfalls auf Jobsuche waren. Zunächst gründeten sie 1982 eine Selbsthilfegruppe und diskutierten die Texte feministischer Autorinnen wie Prof. Maria Mies und Prof. Carola Möller, die von einer geschlechterspezifischen Arbeitsteilung ausgehen; – im Gegensatz zu den marxistischen Autoren, die Hausarbeit als Arbeit einfach ausblende(te)n, obwohl Frauen den Löwenanteil der reproduktiven und gesellschaftlichen Arbeit leisten. Den zukünftigen Vereinsgründerinnen war klar, dass es nicht um individuelle Lösungen gehen kann. Sie sahen in der Erwerbslosigkeit von Frauen einen politischen Skandal! Auf kaum einem anderen Gebiet hat der feministische Kernsatz „das Private ist politisch“ eine so zentrale Bedeutung. 1984 wurde der Verein „Frauen gegen Erwerbslosigkeit“ gegründet. Zur Vereinsgründung mieten sie eine Plakatwand, auf der stand „Frauen oft ohne Lohn, nie ohne Arbeit“. Ein Slogan, der bis heute Gültigkeit hat. Bei einem Frauenkongress 1985 wurde die Idee geboren, durch öffentliche Aktionen auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Die Frauen beschlossen, die Arbeitsämter zu stürmen. Bundesweit meldeten sich Frauen zeitgleich als arbeitssuchend. Das Echo war überwältigend. Mit dieser Aktion machten sie klar, dass Frauen nicht die „stille Reserve“ des Arbeitsmarktes sind, sondern ein Recht auf Arbeit haben. Zu dieser Zeit wurden Frauen nicht einmal in der Arbeitslosenstatistik geführt. In der Folge initiierte der Verein in Köln zahlreiche Aktionen. Sie protestierten gegen die Einführung von ALG II Hartz 4, forderten die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Weiterbildungsmöglichkeiten für Frauen, Maßnahmen zur Chancengleichheit von Migrantinnen und mehr Lohngerechtigkeit für Frauen. Mit ihren phantasievollen Aktionen wiesen sie auf das Armutsrisiko alleinerziehender Frauen hin. Das Herzstück des Kölner Vereins ist weiterhin die Beratung der Frauen. Wie komme ich zu einem Job? Welche Fortbildungen gibt es? Welche finanzielle Unterstützung kann ich bekommen? Diese Beratung wird inzwischen in elf Sprachen angeboten. Brigitte Erdweg ist heute in Rente. Nach wie vor ist sie Vorstandsfrau. Ihr Rat und ihr Elan sind gefragt, besonders beim Kampf um die Existenzsicherung des renommierten Vereins. Als autonomes Frauenprojekt steht er in Konkurrenz zu anderen Organisationen, die sich ebenfalls um öffentliche Gelder für Arbeits(losen)beratung bewerben. In der gängigen Förderpraxis werde die prekäre Situation von Frauen noch immer nicht genug berücksichtigt, moniert die Aktivistin. Das kann sie, nach mehr als 40 Jahren Engagement, immer noch auf die Palme bringen. Eine Produktion des Kölner Frauengeschichtsvereins, Aufnahme am 9.5.2023, Interview und Text: Monika Mengel, Redaktion: Gabriela Schaaf, Schnitt: Richard Hofer
Im Podcast des Kölner Stadtanzeiger True Crime Köln wird die Geschichte der erst 12-jährige Entgen Lenarts beleuchtet, die – nach derzeitigem Wissen – als letzte
Um Frauen-, Lesben- und Migrantinnengeschichte in Köln und der Region sichtbar zu machen, muss sie archiviert werden! Das Archiv des Kölner Frauengeschichtsvereins dokumentiert Frauenbewegungs-, Lesben-